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Der Jonas-Komplex

Der Jonas-Komplex

Buchcover

Roman vonThomas Glavinic, S. Fischer Verlag; 747 S.

Glavinic mal drei! - Erzählerische Volten schlagender Roman über drei Anti-Helden, die überall Gefahr statt Chance sehen und vielleicht doch nur ein- und derselbe sind? (DR)

"Wer wir sind, wissen wir nicht. Beim letzten Durchzählen kam ich auf mindestens drei Personen, die jeder von uns ist. Erstens die, die er ist, zweitens die, die er zu sein glaubt, und drittens die, für die ihn die anderen halten sollen." Mit diesem gedanklichen Rösselsprung beginnt der österreichische Erfolgsautor Thomas Glavinic sein wildes Spiel mit Genres und Motiven, Identitäten und Wirklichkeiten, Zeiten und Orten. Auf rund 748 Seiten entführt er die LeserInnen in seinen unverwechselbaren Erzählkosmos voll schwarzen Humors, skurriler Charaktere und Einfälle. 
Motivtreue ist ein markantes Stilmittel des Autors, manche LeserInnen sind dem Liebespaar Jonas und Marie schon begegnet (zuletzt in "Das größere Wunder"). Doch handelt es sich kaum um die gleichen Leben, um die selben Charaktere vielleicht? Diesmal wollen sich die beiden auf eine Antarktisexpedition begeben, doch davor lässt sich Jonas an abenteuerlichen Orten in der Welt verstecken. Im zweiten Erzählstrang kämpft ein depressiver Wiener Schriftsteller, ein alptraumhaft verzerrtes Spiegelbild des eigenen Autoren-Ichs (wie schon in "Das bin doch ich"), mit seinen diversen Süchten und Ängsten und der Menschheit im Allgemeinen. Glavinic, ein Meister der Selbst-Inszenierung, schafft geschickt Parallelen zur eigenen Biografie, doch wo beginnt oder endet die Authentizität? Die dritte Handlungsebene beschreibt die schwere Kindheit eines hochintelligenten 13-Jährigen in den 1980er Jahren, wo allein Bücher und Schachspiel Zuflucht und Aussicht auf ein besseres Leben bieten. "Alles wird gut" (S. 744), hofft man am Ende mit diesem jugendlichen Protagonisten. 
Nahtlos verwebt Glavinic Fiktion und Fakten in den dunklen und hellen Lebensmomenten seiner drei männlichen Protagonisten zu einem großen Ganzen. Aktuelle gesellschaftliche Prozesse, tiefe seelische Verletzungen und menschliche Abgründe haben darin genauso Platz wie Witz, Romantik und konkrete Poesie. Kluge Sätze und anregende Gedankenspielereien machen die Selbstverliebtheit des Autors und ein paar Banalitäten verzeihlich. Einsamkeit und Angst, Leben und Tod, aber vor allem der Mensch mit all seinen Stärken und Schwächen stehen im Mittelpunkt dieses polarisierenden Romans, der zum Lachen und Weinen bringt, schockiert und verunsichert, provoziert und tröstet. Ein zutiefst österreichischer, lesenswerter Roman, der nicht nur für Literaturkreise jede Menge Gesprächsstoff bietet.

Elisabeth Zehetmayer | biblio