Sie sind hier

"Girl on the Train" - Du kennst sie nicht, aber sie kennt dich

"Girl on the Train" - Du kennst sie nicht, aber sie kennt dich

Roman von Paula Hawkins; Blanvalet  2015, 448 S.

Wer verbirgt sich hinter der schönen Blondine, die Rachel, eine dem Alkohol verfallene Pendlerin, jeden Tag vom Zug aus beobachtet? (DR)

Täglich fährt Rachel von Ashbury nach London. Täglich beobachtet sie die Bewohner der viktorianischen Doppelhaushälften an der Bahnstrecke und stellt sich ihr perfektes Leben vor. Ein Leben, das sie bis vor kurzem selbst führte, genau dort, in einem der adretten Häuser. Damals, vor ihrer Scheidung mit Tom. Tom, der noch immer dort wohnt - mit seiner neuen Frau und dem Baby. In dem hübschen jungen Paar, auf das sie jeden Tag einen Blick erhascht und das sie heimlich in Gedanken Jess und Jason nennt, sieht Rachel all das, was sie selbst verloren hat. Je mehr der Alkohol ihr die Kontrolle über ihren Alltag entzieht, desto mehr Anteil nimmt sie an dem Leben der Fremden. Bis etwas Schreckliches geschieht und Jess vermisst wird…

Paula Hawkins spielt mit den Vorstellungen, die wir uns vom Leben anderer machen. Sie setzt drei wechselnde Erzählperspektiven ein und lenkt so den Blick der LeserInnen bewusst auf falsche Fährten. Über weite Strecken haben wir es mit einer unzuverlässigen Erzählerin zu tun, denn Rachel ist Alkoholikerin und hat wegen ihrer Sucht mit Erinnerungslücken zu kämpfen. Verzweifelt versucht sie, die nebulösen Gedankenblitze zu ergründen, diese verunsichernden Leerstellen zu füllen, die die LeserInnen gekonnt bei der Stange halten. Langsam entwickelt sich das Psychogramm zweier Frauen, offenbart sich ein interessantes Beziehungsgefüge, bei dem Liebe, Lügen, Sucht, Obsession und Macht eine Rolle spielen. Frauenfiguren, die mit ihrem Leben und einschneidenden Ereignissen aus der Vergangenheit hadern, wollen eingeschätzt und ihr Part in diesem Verwirrspiel ausgelotet werden. Ein raffiniert gebauter Spannungsroman, der durch die weibliche Erzählerrolle wohl in erster Linie Leserinnen anspricht.

Quelle: bn.bibliotheksnachrichten, Cornelia Gstöttinger